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Ein Kasten Kohle

Darkest Hour, Protest The Hero, Born Of Osiris, Purified In Blood (Conne Island, 04.02.11)

Den Eintrag veröffentliche ich mit freundlicher Genehmigung des Onlinemagazins CrossOver, für das ich den Artikel verfasst habe und bei dem derselbe auch in Kürze online erscheinen wird.

“Baptised in a pool of blood / born dead / vanished hope / from horseman’s hands / pestilance and disease”. Gut, die starke Neigung der Norweger zum Düsteren ist nichts Neues. Gerade der norwegische Black Metal hat Textzeilen hervorgebracht, die in mehrerlei Hinsicht sehr viel extremer sind: apokalyptisch, brutal, satanistisch. Wenig davon kann man jedoch als Atheist ernst nehmen. Bei der Hardcore/Metal-Band Purified in Blood aus Stavanger, die mit obigen Zeilen ihr aktuelles Album eröffnen, sieht das jedoch anders aus: Ihre Texte sind keine kranken Fantasien, sondern eine dystopische Version der Realität, der Status Quo also für die Band um Sänger Hallgeir Skretting Enoksen. “Wir betrachten die Dinge gern von ihrer hässlichen Seite.”

Hallgeir Skretting Evoksen, Tommy Svela 
links: Hallgeir Skretting Enoksen (Gesang), rechts: Tommy Svela (Gitarre)

Dem Inhalt kommt natürlich das Genre entgegen, in dem sich Purified In Blood bewegen. Nachdem sie als Jugendliche durch Skateboard fahren mit Punk Rock in Berührung kamen, führte ein Freund sie zum Straight Edge Hardcore, erklärt Enoksen. “Die ersten Bands, die wir hörten, waren Earth Crisis, Strife, Integrity - das ganze Victory Records Zeug. Außerdem Sachen wie Bold, Judge, 7Seconds. Wir wollten etwas machen, das mehr Metal ist, denn wir mochten auch Sepultura. ‘Chaos A.D.’, ‘Arise’, ‘Beneath The Remains’ sind immer noch Lieblingsalben von uns. So etwas strebten wir im Hardcore an, denn da kamen wir her.” Damit entsprechen Purified In Blood weniger dem, was momentan gemeinläufig und oft abwertend als Metalcore bezeichnet wird. Vielmehr betonen die Norweger die elementaren Bestandteile Hardcore und Thrash Metal (der schnelleren und aggressiveren Version von Heavy Metal) und entziehen sich damit praktischerweise der üblichen Kritik an aktuellem Metalcore von Seiten der Altmetaller: Kein emotionales Geweine in melodischen Parts, Verzicht auf höllisch böse klingende Stimmeffekte, Oldschool-Soli und spärlich gesäte Breakdowns nahe am Death Metal (einem Subgenre des Heavy Metal, das extremer, komplizierter und düsterer ist). Auch nicht unbedingt neu, aber das stört Enoksen nicht: “Wir wollen nicht bahnbrechend oder wegweisend sein. Uns geht’s darum, die Musik zu machen, die wir lieben.”

Maßgeblich für die Düsternis sind aber die Themen, die Purified In Blood behandeln: Umweltzerstörung, Tierrechte, Veganismus. “Wir waren 2004 mit der Total Liberation Tour in den Staaten - mit Rod Coronado [amerikanischer Umweltaktivist, Anm. d. Verf.] von Earth First! und politischen Bands wie Gather und Undying”, erinnert sich Enoksen. “Dort haben wir eine Menge Sprecher gehört und sind schnell mit der politischen Seite von Hardcore in Berührung gekommen. Das hinterließ Spuren bei uns.” Was die Band formte, zerstörte sie kurz darauf auch wieder: Einige Bandmitglieder entschlossen sich gegen die vegane Lebensweise, Purified In Blood lösten sich auf. Nach einer fast zweijährigen Pause trafen sich die Freunde wieder und stellten fest, dass es nicht nur um Veganismus gehen kann. “Unsere Botschaft ist nicht die des Straight Edge, sie ist eine umweltpolitische. Es ist wichtig, sich das Gesamtbild anzuschauen.”, so Enoksen. “Wir wollen nicht auf der Bühne stehen und sagen ‘Hey, ich bin Veganer, ich bin besser als du.’, darum geht es nicht. Es ist nicht alles schwarz/weiß.”

Nach der Wiedervereinigung nahmen Purified In Blood ihr zweites Album “Under Black Skies” auf, bei dem die Herangehensweise sehr viel überlegter als beim Schnellschussdebüt “Reaper Of Souls” war: “Im Studio haben wir sieben Tage gebraucht”, erklärt Enoksen. “Es war schnell und wütend, wir liebten das Album, aber direkt danach wollten wir etwas Anderes machen.” Gitarrist Tommy Svela fügt hinzu: “Man hört, dass wir uns damals an anderen Bands orientiert haben. Deswegen mag ich unser Debüt nicht mehr wirklich.” Der aktuelle Langspieler ist individueller und weniger kurzweilig als der Vorgänger, findet Enoksen. “Niemand wird sich das Album anhören und sofort ‘Was zur Hölle? Bestes Album aller Zeiten!’ rufen. Es ist durchdachter, raffinierter und man muss es mehrmals anhören, bis es wächst.”

Purified In Blood im Conne Island
v.l.n.r.: Hallgeir Skretting Enoksen, Anders Mosness, Stig Skog Andersen von Purified In Blood

Live erweist sich die Kombination beider Alben als überaus praktisch: Einfach Zugängliches für Purified In Blood-Jungfrauen, Vertrackteres für “Under Black Skies”-Besitzer. Zwar fügen die Norweger auch beim Konzert im Leipziger Conne Island als Vorband für die amerikanischen Melodic Death Metal-Veteranen Darkest Hour dem Genre nichts Neues hinzu, spielen ihre Version aber sehr überzeugend: Anders Mosness’ halb-elektronisch, halb-akustisch gemischte Kickdrum sorgt für das angenehme Gefühl beständiger Schläge in die Brust, Bass- und Gitarrensound vermitteln den Eindruck von Gegenwind. Dazu keift und schreit Enoksen, changiert, wenn er will stufenlos, zwischen Black Metal-Gekrächze und New York Hardcore-Gebell. Klar hat man das so ähnlich schon ein Dutzend Male gehört. Aber selten so wütend, facettenreich und zielgerichtet.

Born Of Osiris im Conne Island
Born Of Osiris

Etwas weniger vielfältig ist da die zweite Vorband Born Of Osiris. Die sechs amerikanischen Jungspunde zeichnen mal konventiell, mal hyperaktiv mit den Farben des Death Metal-Malkastens: ein bisschen Blast Beat in Graustufen hier, monotones Gegrunze in kaltem Hellschwarz da, ab und an ein wenig dunkelbunt in den melodischen Parts, aber wichtig ist vor allem die dunkelschwarze Wand aus Doppelfuß und tiefsten Gitarren. Das “farbenfrohe” Ergebnis ist technisch über jeden Zweifel erhaben: Die Gitarrensoli und maschinengleiche Doppelfußarbeit am Schlagzeug ständen auch einigen Altmeistern des Death Metal gut! Sieht man sich aber das gerahmte Gesamtkunstwerk Born Of Osiris an und schaut am technischen Aspekt vorbei, merkt man, dass auf der nun weißen Fläche nichts bleibt, das Emotionen auslöst.

Rody Walker von Protest The Hero
Rody Walker von Protest The Hero

Die nun folgenden, ebenfalls amerikanischen Protest The Hero wurden im Vorhinein als Geheimtipp im Line-up gehandelt. Zu Recht. Vermutlich hat die Band irgendwann einmal zusammen mit iwrestledabearonce, The Dillinger Escape Plan und Rolo Tomassi aus dem selben Topf Wahnsinn, Chaos und Drang zum Experimentieren gelöffelt, denn die fünf Jugendlichen sind ähnlich unverblümt was Konventionen angeht. Da ringen Metal und Hardcore miteinander und sind so beschäftigt, dass sie gar nicht merken, dass Frontmann Rody Walker nicht nur schreit und kreischt, sondern auch übertrieben gefühlvoll melodisch singt, sogar im Falsett! Jetzt bekommen Metal und Hardcore mit, wie erfrischend dämlich Walker mit seiner affektierten Gestik aussieht und wie nah er sich zum Emo hinüberlehnt, überhören aber im selben Moment, dass sich Gitarre und Bass in jazzigen Soli zu überbieten versuchen. Ein heilloses Durcheinander, stilsicher arrangiert, das Publikum paralysierend. Lediglich ein Metaller-Pärchen im Lederoutfit kann dem Spektakel so gar nichts abgewinnen und verliert im Warten auf die Darkest Hour langsam aber sicher die Lust…

Darkest Hour im Conne Island 
Darkest Hour

Nach drei Bands, die sich musikalisch bei Genres bedienen, wie es ihnen beliebt, scheitern Darkest Hour nun daran zu zeigen, dass auch ein Genre allein genug Spielraum bietet. Anlässlich ihres 15 Jahre währenden Bestehens spielen die Amerikaner einen Song jedes veröffentlichten Albums und demonstrieren, wie wenig sich ihr Melodic Death Metal leider weiterentwickelt hat: Die immer gleichen musikalischen Elemente, ähnliche Melodien, Soli, von denen man sich sicher ist, sie schon einmal gehört zu haben. So und besser haben es eben schon die schwedischen Vertreter In Flames, Dark Tranquillity und At The Gates gemacht. Deshalb geht man trotz der großartigen Protest The Hero und Purified In Blood mit komischem Gefühl zum Merchstand, an dem die T-Shirts die Eindrücke von gerade eben bestätigen: Darkest Hour sind etwas einfallslos, Protest The Hero irre und seltsam, Born Of Osiris auf jeden Fall sehr böse und Purified In Blood haben Geschmack. Eins ihrer T-Shirts hat nämlich der kalifornische Tätowierer Tim Lehi entworfen, der unter anderem auch das Artwork für das aktuelle Saviours-Album gezeichnet hat. (Mein Interview mit Saviours findet ihr hier.) Die Metal-Welt ist klein.

Purified In Blood T-Shirt
Purified In Blood T-Shirt

Links

Purified In Blood Myspace

Born Of Osiris Myspace

Protest The Hero
Protest The Hero Myspace

Darkest Hour
Darkest Hour Myspace

Detaillierte Beschreibungen und Klangbeispiele zu einer Vielzahl von Metal-Genres gibt es übrigens bei Map of Metal.