Den Eintrag veröffentliche ich mit freundlicher Genehmigung des Onlinemagazins CrossOver, für das ich den Artikel verfasst habe und bei dem derselbe auch in Kürze online erscheinen wird.
DŸSE sind das Ergebnis einer gedanklichen Querfeldeinfahrt: da wo andere die asphaltierte Rap-, Indie-, Electro- oder Metal-Straße nehmen und immer schön auf die Geschwindigkeit achten, heizen Jari Rebelein und André Dietrich über Feld, Stock und Stein. Alles geht, nichts muss. Was rauskommt ist ein bunter Genremix, der so ziemlich jeden anspricht, der seinem musikalischen Horizont keine Grenzen steckt. Maxime: “Ich höre eigentlich alles.”
“Wir mögen ein extrem breites Spektrum an Mucke: von Schlager bis hin zum totalen Grindcore-Geknüppel, dazwischen Punk, Jazz… alles.”, erklärt Jari, Schlagzeuger im Dÿsenduo, die Einflüsse der Band. “Wir haben Ansätze, da feiern wir uns total ab im Proberaum. Irgendwie kommt immer was dabei raus. Selbst wenn die Leute da mal keinen Bock darauf haben, wir ziehen’s durch. Wenn uns das gefällt, machen wir’s einfach.” Genau danach klingt der 2009 veröffentlichte Langspieler “Lieder sind Brüder der Revolution”. Elf Songs, die den Hörer mit Ungewohntem konfrontieren: “Zebramann” bäumt sich nach dem vermeintlichen Ende noch mehrmals lautstark auf, die Takte in „Treppe“ fordern beim Mitzählen (auch in den Pausen) und “Trick” wartet mit orientalischem Charme auf, bis ein Bläser-Ensemble dem Lied Schlagseite Richtung Ska gibt. Die geheime Zutat sind schließlich die kryptischen Texte, die elegant zwischen Stumpfsinn und Gesellschaftskritik balancieren, so dass die Aussageabsicht nie wirklich klar auszumachen ist. So schürt das Duo, vergleichbar mit Bands wie Tool (musikalisch) oder Turbostaat (textlich), das Verlangen, die Lieder mit jedem Mal etwas besser zu verstehen. Womit erreicht wäre, was sich die beiden wünschen: “Unser Ziel bei dem Ganzen ist, dass die Leute mal wieder mitdenken beim Musikhören.”, erklärt Jari. “Sich einfach mal mit dem Arsch hinsetzen und bewusst Sachen anhören. Und nicht ständig Leuten hinterher rammeln.”
In Deutschland habe das Konzept DŸSE anfangs gar nicht funktioniert, weswegen die Band zunächst viele Konzerte im Ausland spielte. “Die dachten alle ‘Was ist’n das für Dreck.’ Wir haben uns echt den Arsch abgespielt. In Oslo, auf der ersten Europatour, waren vier Leute glaube ich. Das hatte aber auch was Geiles.” Mittlerweile, da Szenen aufbrechen und Genrebezeichnungen mit der Ausdifferenzierung der Musiklandschaft immer weniger mithalten können, werden auch DŸSE-Konzerte besser besucht. Geholfen hat vor allem Eines, erinnert sich Jari: “Als das mit der Band losging, hab ich zu André gesagt: Wir sind wie Zorro, wir tauchen irgendwo auf, uns kennt keiner, wir bolzen alles weg, und danach alle so ‘Oh! Wer war’n das?!‘“DŸSE hat sich einen guten Ruf erspielt und gilt als Garant für impulsive Shows, die Menschen unterschiedlichster musikalischer Herkunft anziehen: “Auf den Konzerten haben wir immer Metaller da, es sind teilweise Hip-Hopper da, es sind Punk-Rocker da, es sind abgefreakte Hastenichgesehens da.”, beschreibt Jari.

Jari Altermatt von Navel
So auch beim Konzert im Weltecho in Chemnitz, Andrés Heimatstadt. Bevor jedoch das Duo beim Heimspiel beweisen kann, wie dynamisch und druckvoll es tatsächlich ist, sind die Schweizer Navel an der Reihe. Gäb es eine Preisverleihung für die Vertonung der Wüste, das Trio wäre nominiert. Mit viel bluesiger Coolness, simplen wie guten Basshooks und (natürlich) einer Mundharmonika schicken sie das Publikum in “Blues On My Side” in eine vertrocknete Einöde und klingen dabei nach einer düsteren Version der kalifornischen Genre-Kollegen Sleepy Sun. Zwar lassen ein, zwei zu ruhige Songs das Publikum ob ihrer balladesken Langweiligkeit etwas irritiert und ratlos im Bühnennebel stehen, aber so haben die Anwesenden gleich einmal die Gelegenheit, sich die Sandkörner aus dem staubig trockenen Mund zu puhlen.

André Dietrich von DŸSE
War das Weltecho bis gerade eben noch nach dem Motto “Hier stand aber ich” sortiert, sorgen DŸSE schnell für eine neue Stehplatzordnung. Mit dem Brüllen der Zauberwörter “SCHWARZ!” und “WEISS!” geht das Duo im Song “Zebramann” sicher, dass tatsächlich auch alle geistig anwesend sind, wartet, bis sich die Sprechchöre noch etwas aufschaukeln und metzelt sich von da an gnadenlos durch die Setlist. Der Platz vor der Bühne wird nun von zufällig umher geschleuderten Oberkörpern dominiert, Bier landet zwangsläufig dort, wo es hingehört (auf T-Shirts, Effektgeräten – manchmal im Mund), jedwede Songtitel werden mit Jubel aufgenommen und mitgeschrien. Über all dem thronen Jari und André, die in ihrer zweigeteilten Kluft wie einem Comic entsprungene, irre Bösewichte aussehen, die sich an dem chaotischen Spektakel laben. Ihr Anteil daran ist leider gar nicht so groß, wie erhofft: das Potential der musikalischen Anarchie des Albums nutzen DŸSE live nicht wirklich, halten sich nah am Album, schmücken das ein oder andere mit einer Geschichte aus.

Jari Rebelein von DŸSE
Vielleicht haben die oft positiven Erfahrungsberichte von DŸSE-Konzerten in dieser Hinsicht die Erwartungen doch etwas zu hoch geschraubt. Dennoch: Das Duo ist live eine Wucht und macht mindestens genauso viel Spaß wie von Platte.
Gute Nachrichten: André und Jari schreiben bereits am nächsten Album. “Ein bisschen Arbeit ist zwar schon noch drin – ein Song kann ein Jahr lang schon feststehen und wir spielen ihn und denken ‘Warte mal, hier könnte noch was Geiles rein!’ – aber die Aufnahmen sind für Sommer/Herbst geplant.” Die Zeit bis zum Erscheinen verkürzen DŸSE mit einer neuen Single und einer gebündelten Veröffentlichung aller bisherigen, teilweise vergriffenen Singles. Hauptsache, die Stimme im Kopf schreit bis dahin nicht mehr “SCHWARZ! … WEISS! … SCHWARZ! … WEISS! …”
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Den Eintrag veröffentliche ich mit freundlicher Genehmigung des Onlinemagazins CrossOver, für das ich den Artikel verfasst habe und bei dem derselbe auch in Kürze online erscheinen wird.
Die vier Mitglieder der Hamburger Indie-Band Herrenmagazin müssen Organisationstalente sein: Erst vor wenigen Monaten haben Deniz Jaspersen, Rasmus Engler, König Wilhelmsburg und Paul Konopacka ihr zweites Album “Das wird alles einmal Dir gehören” veröffentlicht, schon denken sie an das nächste und überbrücken die Wartezeit der Fans mit einer Audiolith-Remix-EP. Nebenher basteln sie auch noch Unikate für die Fans… und das, obwohl eigentlich keiner der Vier wirklich Zeit hat.
v.l.n.r.: Rasmus Engler (Schlagzeug), Deniz Jaspersen (Gesang und Gitarre), König Wilhelmsburg (Gitarre), Paul Konopacka (Bass)
Foto: Motor Music
Zweieinhalb Wochen touren die Vier nun durch Deutschland und bespielen insgesamt 17 Städte. Danach geht’s zurück in den Alltag: Paul und Deniz kümmern sich um ihr Studium. Ersterer spielt außerdem seit Kurzem bei der Indie-Band Tusq, Letzterer arbeitet zusätzlich nachts in einer Mutter-Kind-Einrichtung. König ist Sozialarbeiter, Rasmus jobbt unter anderem im Hamburger Club Uebel & Gefährlich und spielt in diversen anderen Bands (Das Bierbeben, Gary, Dirty Dishes). Jeder der Vier macht irgendetwas nebenbei, denn die Band als Verdienst allein reicht nicht, gibt Deniz zu: “Es ist zu viel Zeit für ein Hobby und zu wenig Geld für einen Beruf. Wir verdienen damit kein Geld. Wir geben aber auch keins aus. Wir ruinieren nur unser Leben.” Dennoch müssen die vier Hamburger irgendwie alles unter einen Hut bringen…
Deniz: Wir proben halt nicht.
König: Mir geht’s halt einfach immer schlecht. (lacht)
Rasmus: Ich schlaf‘ einfach nicht.
Dem melancholisch resignierten Indie der vier Herren ist das nicht anzuhören, weder auf Platte noch live. Aber natürlich schränkt es die Band auch ein, beim Songschreiben beispielsweise, wie Rasmus anmerkt: “Wir können uns eben nicht mal problemlos ein Wochenende zusammensetzen, weil wir genug damit zu tun haben, dass sich das, was wir sowieso schon machen, einigermaßen anhört.” Die Songs von Herrenmagazin würden vermutlich ohne Zeitmangel ganz anders klingen, denn momentan entscheidet die Band immer sehr spontan aus dem Bauch heraus: Deniz spielt dem Rest seine Akustikballaden vor - ein “chronischer Singer-Songwriter”, scherzt Rasmus - und dann entscheidet sich sehr schnell, ob der Song funktioniert oder nicht. Die Lieder verselbstständigen sich in “Das passiert dann halt einfach”-Manier, erklärt Deniz: “Engler spielt sowieso meistens einen komplett anderen Beat, als ich mir das ursprünglich dachte. Das ist dann aber genau richtig, weil ich dann denke: Krass! Na klar! Logisch! Und König…”, dieser fällt ihm ins Wort: “… macht eh was er will”. Deniz setzt fort: “Das hätte ich mir eh nicht alles ausdenken können. Und dann denk ich auch so: Ja fett! Geil! Der Einzige, auf den ich mich immer verlassen kann, ist Paul Konopacka, menschlich aber auch musikalisch. Musikalisch sind wir uns am einigsten.” Auf dem nächsten Album wollen die Vier etwas weg vom bisherigen Vorgehen, mehr zusammen schreiben und mehr jammen, denn andernfalls würde es Deniz zu langweilig. Aber damit es dazu kommen kann, braucht es wieder Zeit. Rasmus wünscht sich und den Rest der Band für zwei Wochen auf eine Insel: “Die Greifswalder Oie zum Beispiel, die ist nämlich unbewohnt.”

Der aktuelle Langspieler “Das wird alles einmal Dir gehören”
Foto: Motor Music
Einen kleinen Schritt in Richtung dieses Songwritings haben Herrenmagazin schon auf dem aktuellen Album “Das wird alles einmal Dir gehören” getan. Im Gegensatz zum Debüt “Atzelgift” haben die Hamburger dieses nämlich live aufgenommen. “Hat natürlich Nachteile”, erklärt Paul, “weil man weniger bearbeiten kann. Aber es hat natürlich mehr Feeling.” Ein Balance-Akt: Mehr Authentizität und Energie gegen weniger klaren Sound. Der Klang von Herrenmagazin hat sich aber auch in einer anderen Hinsicht verändert, merkt Rasmus an, denn 2005 wurde der damalige Gitarrist Philip Wildfang durch König ersetzt. “Da König in seiner Fanhaftigkeit ein breitgefächerteres musikalisches Spektrum abdeckt und ein etwas größeres Wissen hat, als der Typ der da vorher stand, muss es zwangsläufig etwas vielschichtiger werden.”
Zu textlicher Resignation und musikalischer Vielschichtigkeit gesellt sich außerdem noch ein bisschen Punk-Attitüde ins Bandgefüge von Herrenmagazin. Die manifestiert sich derart, dass die vier Hamburger eine gewisse Gleichgültigkeit an den Tag legen: “Diese vollkommene Verweigerung”, erklärt Rasmus, “als Band Pressemappen zu machen und sich irgendwo anzubiedern. So faul zu sein, wenn jemand anfragt und ein Demo möchte, zu sagen ‘Ja, wir haben aber keins.’ Diese Respektlosigkeit der nächsten Stufe gegenüber ist uns allen sehr zu Eigen.” Für Herrenmagazin zählt die Musik, kein Marketing. Das setzt sich fort bis zur wenig strategischen Auswahl der Vorband. “Wenn wir ein bisschen Einfluss darauf haben”, erklärt Rasmus, “dann nehmen wir natürlich irgendwelche Leute, die wir seit ewig kennen.”
Kippen ist eine solche befreundete Band, die das Konzert als auch die Tour im Werk II eröffnet. Drei Jungs aus Braunschweig, deren Absichten irgendwie besser sind als die Umsetzung. Denn entweder hören sich Kippen auf der Bühne nicht so richtig selbst, Dissonanz ist bei ihnen latentes Stilmittel oder sie sind tatsächlich etwas verstimmt und nicht ganz treffsicher was Töne angeht, denn das, das was beim Publikum ankommt, ist zuweilen ganz schön schief. Da muss man schon ein Ohr zudrücken, um sich auf die etwas diffusen Texte konzentrieren zu können. Wer sich auch mit denen so gar nicht anfreunden kann, bekommt wenigstens lustige Ansagen: “Im nächsten Lied geht es um Arbeit. Nicht sowas wie Kunst studieren, wo man irgendwas auf eine Leinwand kackt. Sondern ehrliche, harte Arbeit wie sie authentisch in Filmen wie Stirb Langsam dargestellt wird.”

Herrenmagazin in der Halle D des Werk II
Ähnlich amüsant bleibt es bei Herrenmagazin, die bester Laune sind. Im Vorhinein hatte Deniz zwar bemerkt, das Werk II sei viel zu groß (“Völlig überdimensioniert. Ich fühl‘ mich schlecht.”), davon spürt man aber nichts, denn sämtliche Anwesenden stellen sich gleich zu Anfang solidarisch so vor die Bühne, dass es aussieht als wäre die Halle D voll. Mit der Resonanz, die den Herren nun auf der Bühne entgegenschlägt, hatten sie wohl nicht gerechnet. Aus Verblüffung wird Euphorie und plötzlich sieht man ganz deutlich freigelegt, warum Deniz, Rasmus, Paul und König so viel Stress für ein, zwei Stunden am Abend in Kauf nehmen: Sie gehen in ihrer Musik auf. Gefühlvolle, aufrichtige Musik und Texte, die sich sowohl Band als auch Publikum kathartisch von der Seele schreien können.

Deniz Jaspersen mit seiner neuen Gitarre
Für noch mehr gute Stimmung sorgt kurz nach Beginn des Konzerts Tourmanager Säge, der spontan die Band mit einer Runde Schnäpse versorgt. Der erste, bei dem dieser seine Wirkung tut, ist wohl Rasmus, der zur Erheiterung aller die wohl besten Ansagen zwischen Liedern seit Langem macht. Eine sarkastische Argumentation, warum Deutschland lieber von anatomischen Spastikern regiert werden sollte (“Die sorgen dann dafür, dass wir überall die Treppen hochkommen.”), erfundene Geschichten über Erlebnisse mit der Band Mikrokosmos23 (“Wir haben am Bahnhof auf unsere vier Taxis gewartet – für jeden eins – und dann hat uns eine Band angesprochen und wir mussten Interesse heucheln.”) und stumpf-dumme Solidaritätsbekundungen für den Stadtteil (“Der nächste Song ist für den Bahnhof Connewitz Süd, der soll erhalten bleiben!”). Bei so viel Amüsement interessiert auch keinen, ob Rasmus dann doch Schwierigkeiten hat, beim Song „Krieg“ das Tempo zu halten oder ob sich einer der drei anderen Herren mal verspielt. Unwichtig, findet in gewissem Maße auch die Band.
Deniz: Wir können nur das, was wir können. Wir können uns nicht verstellen. Wir versuchen das immer noch ein bisschen besser auf den Punkt zu bringen.
Rasmus: Wir können vor allem nur das was wir wollen. Wenn wir jetzt mehr wollen würden, dann könnten wir uns natürlich hinstellen und… es bringt ja auch alles nichts. Es ist ja alles Quatsch.
Richtig. Ist nämlich super so.
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Den Eintrag veröffentliche ich mit freundlicher Genehmigung des Onlinemagazins CrossOver, für das ich den Artikel verfasst habe und bei dem derselbe auch in Kürze online erscheinen wird.
Wer da mal nicht die Lust verliert: zwei Tage neunstündiger Autofahrten auf mittelmäßig geräumten deutschen Straßen, schon um sechs komplette Dunkelheit, Temperaturen unter minus zehn Grad und oben drauf noch eine kaputte Klimaanlage. „Wir haben Frost innen an den Autoscheiben und finden es sehr kalt.“ Erlend Hjelvik, Sänger der norwegischen Band Kvelertak und seine Kollegen haben trotzdem gute Laune.
Bassist Marvin Nygaard bringt es auf den Punkt: „Wir haben gerade die beste Zeit unseres Lebens. Vor einem Jahr habe ich viel Converge, Kylesa und Coliseum gehört und niemals auch nur davon geträumt, mit ihnen auf Tour zu gehen.“ So schnell kann’s gehen mit einem guten Debüt. Das Erfolgsrezept: ein Genremix aus Rock and Roll à la Turbonegro, Hardcore Punk und Black Metal. Spielfreude trifft auf Kreativität trifft auf grandiose Umsetzung und vielleicht auch ein wenig Glück…
Nach vielen lokalen Live-Shows 2007 werden Kvelertak im Februar vergangenen Jahres für das norwegische by:Larm - eine Kombination aus Musikkonferenz und Festival ähnlich der (Pop Up in Leipzig - gebucht. Dort erwecken sie die Aufmerksamkeit einiger Booker, die sie für das renommierte dänische Roskilde Festival und das norwegische Øyafestivalen verpflichten. Der Ruf, eine mitreißende Live-Band zu sein steht. Das Debüt produziert etwas später Converge-Gitarrist Kurt Ballou, dessen Name mittlerweile als Qualitätssiegel im Hardcore-Bereich gelten kann. Coliseum, Doomriders, The Hope Conspiracy - die Liste seiner bisherigen Kollaborationen aber vor allem die jeweiligen Ergebnisse sind überwältigend. Ballou hat eine „Vision davon, was gut klingt“, beschreibt Gitarrist Vidar Landa. Den druckvollen Sound des Kvelertak-Albums verdanken die Hörer also ihm. „Die Songs, die wir mit ins Studio gebracht haben, sind zwar dieselben auf der Platte. Aber besonders ‚Mjød‘, einer unserer ältesten Songs, stellte sich während den Aufnahmen als so gut heraus, dass wir uns dazu entschlossen, ihn als erste Single mit Video zu veröffentlichen. Eigentlich hatten wir dafür ‚Ulvetid‘ vorgesehen.“ Hjelvik fügt schnörkellos hinzu: „Ich finde, er hat alles großartig klingen lassen.“ Für ein schönes Artwork sorgt letztendlich noch Baroness-Frontmann John Dyer Baizley, der bereits für Torche, Kylesa und Skeletonwitch und viele mehr zeichnete.
Trotz den großen Namen überrascht wie schnell es die Norweger geschafft haben, Popularität zu erlangen. Fragt man Nygaard, warum es ihm und seinen Kollegen scheinbar so viel einfacher fällt als anderen Bands, offenbart er seine sehr drastische Sicht: „Ich glaube es gibt eine Menge schlechter Bands da draußen. Was uns so weit gebracht hat sind - um ehrlich zu sein - gute Songs. Ich respektiere Bands, die hart arbeiten und touren, aber…“, Landa fällt ihm ins Wort. „… einer beschissenen Band fällt es schwerer.“ Diese Einstellung darf man unverschämt finden, aber im Prinzip stimmt sie. Schließlich haben es zwei Kvelertak-Songs sogar ins Radio geschafft, was laut Hjelvik, Nygaard und Landa bisher nur einer „extremen“ Band in Norwegen gelungen ist: Satyricon mit „Fuel For Hatred“. An dem Argument der gut geschriebenen Songs ist wohl also etwas dran.
So unhinterfragt wie der Bandname Kvelertak, übrigens norwegisch für „Würgegriff“, mittlerweile schon synonym für brutalen Sound, Metal-Gebahren und energiegeladene Live-Shows auch hierzulande verwendet wird, ist es kein Wunder, dass das Jugendhaus Rosswein trotz arktisch anmutender Temperaturen gut gefüllt ist. Im Nachhinein wird sich nämlich leider zeigen, dass ein großer Teil des Publikums die Hauptacts Bison B.C. und Coliseum kaum beachtet und nur wegen den Norwegern gekommen ist.
Vor dem Dreigespann der genannten Bands spielen aber zunächst als deutscher Support Zann. Der chaotische Hardcore bzw. Screamo der sechs Jungs ist alles andere als leicht zugänglich und wären Zann ein Essen, dann Fisch mit sehr vielen Gräten: Vor dem Genuss kommt die Arbeit. Wer sich hier vorher nicht hineingehört hat, ist auf dem Konzert verloren, denn so viel Dissonanz, Taktwechsel und unverständliches Geschrei begreift und mag man erst nach mehrmaligem und intensivem Auseinandersetzen mit der Band. Andernfalls bleibt das Konzert eher anstrengend und verstörend in Erinnerung.

Bei Kvelertak ist die Situation gegenteilig: Alle Anwesenden haben das Album sicherlich gehört und wirklich kompliziert ist die Musik auch nicht. Aber ein 4/4-Takt ist was man daraus macht und die Norweger machen uneingeschränkt alles richtig. Gitarrensolo, Blastbeats, Gitarrensolo, testosterongeladenes fünfstimmiges Gebrüll, Gitarrensolo, Black Metal-Gekrächze, Gitarrensolo, Breakdown, Gitarrensolo, turbonegroeske Schellenkranz- und Klavier-Einlage, Gitarrensolo. Langweilige Passagen oder mittelmäßige Übergänge? Gibt’s nicht.

Kvelertak ziehen in den vier- bis fünfminütigen Songs das komplette Rock and Roll-Register, setzen Black Metal-Elemente als kreative Sahnehäubchen oben drauf und meinen das alles auch noch ernst. Da spritzt das Herzblut nur so ins Publikum, welches so viel Leidenschaft selbstverständlich ausrastend dankt. Nach dem Konzert springt sichtlich berührt draußen noch ein Kvelertak-Jünger schreiend wie ein tobendes Kind durch den Schnee. Ihm war die halbe Stunde scheinbar auch nicht genug.
Bison B.C. veranschaulichen in der Umbaupause gekonnt die Bedeutung des Sprichworts „der Schein trügt“. Der eher hagere Schlagzeuger Brad Mackinnon macht nicht so wirklich den Eindruck, als ob er gleich so richtig zuhaut, Sänger und Gitarrist Dan And versteckt sich hinter langen Haaren und Masa Anzais Bass hat nur drei Saiten und besteht eigentlich mehr aus Gaffer-Tape als aus Bass. Aber die Kanadier beweisen: schmächtiger Körperbau schließt aggressives Schlagzeugspiel nicht aus; es bellt sich hervorragend durch vorm Gesicht hängende Haare und drei Saiten am Bass geben Bison B.C. mehr als genug Druck. Am ehesten trifft wohl das Genre Stoner Metal auf die kanadische Band zu, obwohl deren Musik neben dem für Stoner charakteristischen erdigen Sound auch Thrash Metal- und Punk-Elemente miteinander vereint. Das Publikum weiß das leider nicht so zu würdigen wie den Party-Metal Kvelertaks, und ist dementsprechend auch weit weniger interaktionsfreudig.
Vor der Hauptband hat sich das JuHa Rosswein beträchtlich geleert, trotz Bison B.C.s vorangegangener Ankündigung Coliseum seien „fucking rad“. Deren ziemlich geraden Hardcore Punk schätzen die Vorbands nicht ohne Grund: Coliseum beschränken sich auf das Wesentliche, türmen keine Soundwände auf und legen den Fokus auf klar strukturierte Instrumentierung. Nach einer Dreiviertelstunde ist wohl aber das Genreskelett für den ein oder anderen etwas farblos. Der Versuch des Bassisten Mike Pascal, das Publikum mit fröhlicher Mimik und heiterem Hüpfen anzuheizen, scheitert. Lustigkeit ist eben etwas gegenläufig zur Grundstimmung der Songs und das geht auch an den Anwesenden nicht vorbei, die eher mit verschränkten Armen und skeptischen Gesichtern darauf reagieren. Schade, denn nur weil sich Coliseum nicht „hardcore“ auf die Stirn tätowiert haben und kein „zeit- und szenegemäßes“ Auftreten an den Tag legen, vermindert das den Wert der Musik nicht. Ganz im Gegenteil, wie die ehrwürdige Verabschiedung mit der Coverversion von Danzigs „Am I Demon“ zusammen mit Bison B.C.s Gitarrist und Sänger And klar zeigt: eine Band die nicht dem Hardcore-Stereotyp harter, unnahbarer oder per se cooler Typen entspricht, kann trotzdem musikalisch mit ganz vorn liegen.
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