Den Eintrag veröffentliche ich mit freundlicher Genehmigung des Onlinemagazins CrossOver, für das ich den Artikel verfasst habe und bei dem derselbe auch in Kürze online erscheinen wird.
“Baptised in a pool of blood / born dead / vanished hope / from horseman’s hands / pestilance and disease”. Gut, die starke Neigung der Norweger zum Düsteren ist nichts Neues. Gerade der norwegische Black Metal hat Textzeilen hervorgebracht, die in mehrerlei Hinsicht sehr viel extremer sind: apokalyptisch, brutal, satanistisch. Wenig davon kann man jedoch als Atheist ernst nehmen. Bei der Hardcore/Metal-Band Purified in Blood aus Stavanger, die mit obigen Zeilen ihr aktuelles Album eröffnen, sieht das jedoch anders aus: Ihre Texte sind keine kranken Fantasien, sondern eine dystopische Version der Realität, der Status Quo also für die Band um Sänger Hallgeir Skretting Enoksen. “Wir betrachten die Dinge gern von ihrer hässlichen Seite.”
links: Hallgeir Skretting Enoksen (Gesang), rechts: Tommy Svela (Gitarre)
Dem Inhalt kommt natürlich das Genre entgegen, in dem sich Purified In Blood bewegen. Nachdem sie als Jugendliche durch Skateboard fahren mit Punk Rock in Berührung kamen, führte ein Freund sie zum Straight Edge Hardcore, erklärt Enoksen. “Die ersten Bands, die wir hörten, waren Earth Crisis, Strife, Integrity - das ganze Victory Records Zeug. Außerdem Sachen wie Bold, Judge, 7Seconds. Wir wollten etwas machen, das mehr Metal ist, denn wir mochten auch Sepultura. ‘Chaos A.D.’, ‘Arise’, ‘Beneath The Remains’ sind immer noch Lieblingsalben von uns. So etwas strebten wir im Hardcore an, denn da kamen wir her.” Damit entsprechen Purified In Blood weniger dem, was momentan gemeinläufig und oft abwertend als Metalcore bezeichnet wird. Vielmehr betonen die Norweger die elementaren Bestandteile Hardcore und Thrash Metal (der schnelleren und aggressiveren Version von Heavy Metal) und entziehen sich damit praktischerweise der üblichen Kritik an aktuellem Metalcore von Seiten der Altmetaller: Kein emotionales Geweine in melodischen Parts, Verzicht auf höllisch böse klingende Stimmeffekte, Oldschool-Soli und spärlich gesäte Breakdowns nahe am Death Metal (einem Subgenre des Heavy Metal, das extremer, komplizierter und düsterer ist). Auch nicht unbedingt neu, aber das stört Enoksen nicht: “Wir wollen nicht bahnbrechend oder wegweisend sein. Uns geht’s darum, die Musik zu machen, die wir lieben.”
Maßgeblich für die Düsternis sind aber die Themen, die Purified In Blood behandeln: Umweltzerstörung, Tierrechte, Veganismus. “Wir waren 2004 mit der Total Liberation Tour in den Staaten - mit Rod Coronado [amerikanischer Umweltaktivist, Anm. d. Verf.] von Earth First! und politischen Bands wie Gather und Undying”, erinnert sich Enoksen. “Dort haben wir eine Menge Sprecher gehört und sind schnell mit der politischen Seite von Hardcore in Berührung gekommen. Das hinterließ Spuren bei uns.” Was die Band formte, zerstörte sie kurz darauf auch wieder: Einige Bandmitglieder entschlossen sich gegen die vegane Lebensweise, Purified In Blood lösten sich auf. Nach einer fast zweijährigen Pause trafen sich die Freunde wieder und stellten fest, dass es nicht nur um Veganismus gehen kann. “Unsere Botschaft ist nicht die des Straight Edge, sie ist eine umweltpolitische. Es ist wichtig, sich das Gesamtbild anzuschauen.”, so Enoksen. “Wir wollen nicht auf der Bühne stehen und sagen ‘Hey, ich bin Veganer, ich bin besser als du.’, darum geht es nicht. Es ist nicht alles schwarz/weiß.”
Nach der Wiedervereinigung nahmen Purified In Blood ihr zweites Album “Under Black Skies” auf, bei dem die Herangehensweise sehr viel überlegter als beim Schnellschussdebüt “Reaper Of Souls” war: “Im Studio haben wir sieben Tage gebraucht”, erklärt Enoksen. “Es war schnell und wütend, wir liebten das Album, aber direkt danach wollten wir etwas Anderes machen.” Gitarrist Tommy Svela fügt hinzu: “Man hört, dass wir uns damals an anderen Bands orientiert haben. Deswegen mag ich unser Debüt nicht mehr wirklich.” Der aktuelle Langspieler ist individueller und weniger kurzweilig als der Vorgänger, findet Enoksen. “Niemand wird sich das Album anhören und sofort ‘Was zur Hölle? Bestes Album aller Zeiten!’ rufen. Es ist durchdachter, raffinierter und man muss es mehrmals anhören, bis es wächst.”

v.l.n.r.: Hallgeir Skretting Enoksen, Anders Mosness, Stig Skog Andersen von Purified In Blood
Live erweist sich die Kombination beider Alben als überaus praktisch: Einfach Zugängliches für Purified In Blood-Jungfrauen, Vertrackteres für “Under Black Skies”-Besitzer. Zwar fügen die Norweger auch beim Konzert im Leipziger Conne Island als Vorband für die amerikanischen Melodic Death Metal-Veteranen Darkest Hour dem Genre nichts Neues hinzu, spielen ihre Version aber sehr überzeugend: Anders Mosness’ halb-elektronisch, halb-akustisch gemischte Kickdrum sorgt für das angenehme Gefühl beständiger Schläge in die Brust, Bass- und Gitarrensound vermitteln den Eindruck von Gegenwind. Dazu keift und schreit Enoksen, changiert, wenn er will stufenlos, zwischen Black Metal-Gekrächze und New York Hardcore-Gebell. Klar hat man das so ähnlich schon ein Dutzend Male gehört. Aber selten so wütend, facettenreich und zielgerichtet.

Born Of Osiris
Etwas weniger vielfältig ist da die zweite Vorband Born Of Osiris. Die sechs amerikanischen Jungspunde zeichnen mal konventiell, mal hyperaktiv mit den Farben des Death Metal-Malkastens: ein bisschen Blast Beat in Graustufen hier, monotones Gegrunze in kaltem Hellschwarz da, ab und an ein wenig dunkelbunt in den melodischen Parts, aber wichtig ist vor allem die dunkelschwarze Wand aus Doppelfuß und tiefsten Gitarren. Das “farbenfrohe” Ergebnis ist technisch über jeden Zweifel erhaben: Die Gitarrensoli und maschinengleiche Doppelfußarbeit am Schlagzeug ständen auch einigen Altmeistern des Death Metal gut! Sieht man sich aber das gerahmte Gesamtkunstwerk Born Of Osiris an und schaut am technischen Aspekt vorbei, merkt man, dass auf der nun weißen Fläche nichts bleibt, das Emotionen auslöst.

Rody Walker von Protest The Hero
Die nun folgenden, ebenfalls amerikanischen Protest The Hero wurden im Vorhinein als Geheimtipp im Line-up gehandelt. Zu Recht. Vermutlich hat die Band irgendwann einmal zusammen mit iwrestledabearonce, The Dillinger Escape Plan und Rolo Tomassi aus dem selben Topf Wahnsinn, Chaos und Drang zum Experimentieren gelöffelt, denn die fünf Jugendlichen sind ähnlich unverblümt was Konventionen angeht. Da ringen Metal und Hardcore miteinander und sind so beschäftigt, dass sie gar nicht merken, dass Frontmann Rody Walker nicht nur schreit und kreischt, sondern auch übertrieben gefühlvoll melodisch singt, sogar im Falsett! Jetzt bekommen Metal und Hardcore mit, wie erfrischend dämlich Walker mit seiner affektierten Gestik aussieht und wie nah er sich zum Emo hinüberlehnt, überhören aber im selben Moment, dass sich Gitarre und Bass in jazzigen Soli zu überbieten versuchen. Ein heilloses Durcheinander, stilsicher arrangiert, das Publikum paralysierend. Lediglich ein Metaller-Pärchen im Lederoutfit kann dem Spektakel so gar nichts abgewinnen und verliert im Warten auf die Darkest Hour langsam aber sicher die Lust…
Darkest Hour
Nach drei Bands, die sich musikalisch bei Genres bedienen, wie es ihnen beliebt, scheitern Darkest Hour nun daran zu zeigen, dass auch ein Genre allein genug Spielraum bietet. Anlässlich ihres 15 Jahre währenden Bestehens spielen die Amerikaner einen Song jedes veröffentlichten Albums und demonstrieren, wie wenig sich ihr Melodic Death Metal leider weiterentwickelt hat: Die immer gleichen musikalischen Elemente, ähnliche Melodien, Soli, von denen man sich sicher ist, sie schon einmal gehört zu haben. So und besser haben es eben schon die schwedischen Vertreter In Flames, Dark Tranquillity und At The Gates gemacht. Deshalb geht man trotz der großartigen Protest The Hero und Purified In Blood mit komischem Gefühl zum Merchstand, an dem die T-Shirts die Eindrücke von gerade eben bestätigen: Darkest Hour sind etwas einfallslos, Protest The Hero irre und seltsam, Born Of Osiris auf jeden Fall sehr böse und Purified In Blood haben Geschmack. Eins ihrer T-Shirts hat nämlich der kalifornische Tätowierer Tim Lehi entworfen, der unter anderem auch das Artwork für das aktuelle Saviours-Album gezeichnet hat. (Mein Interview mit Saviours findet ihr hier.) Die Metal-Welt ist klein.

Purified In Blood T-Shirt
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Protest The Hero
Protest The Hero Myspace
Darkest Hour
Darkest Hour Myspace
Detaillierte Beschreibungen und Klangbeispiele zu einer Vielzahl von Metal-Genres gibt es übrigens bei Map of Metal.
Den Eintrag veröffentliche ich mit freundlicher Genehmigung des Onlinemagazins CrossOver, für das ich den Artikel verfasst habe und bei dem derselbe auch in Kürze online erscheinen wird.
DŸSE sind das Ergebnis einer gedanklichen Querfeldeinfahrt: da wo andere die asphaltierte Rap-, Indie-, Electro- oder Metal-Straße nehmen und immer schön auf die Geschwindigkeit achten, heizen Jari Rebelein und André Dietrich über Feld, Stock und Stein. Alles geht, nichts muss. Was rauskommt ist ein bunter Genremix, der so ziemlich jeden anspricht, der seinem musikalischen Horizont keine Grenzen steckt. Maxime: “Ich höre eigentlich alles.”
“Wir mögen ein extrem breites Spektrum an Mucke: von Schlager bis hin zum totalen Grindcore-Geknüppel, dazwischen Punk, Jazz… alles.”, erklärt Jari, Schlagzeuger im Dÿsenduo, die Einflüsse der Band. “Wir haben Ansätze, da feiern wir uns total ab im Proberaum. Irgendwie kommt immer was dabei raus. Selbst wenn die Leute da mal keinen Bock darauf haben, wir ziehen’s durch. Wenn uns das gefällt, machen wir’s einfach.” Genau danach klingt der 2009 veröffentlichte Langspieler “Lieder sind Brüder der Revolution”. Elf Songs, die den Hörer mit Ungewohntem konfrontieren: “Zebramann” bäumt sich nach dem vermeintlichen Ende noch mehrmals lautstark auf, die Takte in „Treppe“ fordern beim Mitzählen (auch in den Pausen) und “Trick” wartet mit orientalischem Charme auf, bis ein Bläser-Ensemble dem Lied Schlagseite Richtung Ska gibt. Die geheime Zutat sind schließlich die kryptischen Texte, die elegant zwischen Stumpfsinn und Gesellschaftskritik balancieren, so dass die Aussageabsicht nie wirklich klar auszumachen ist. So schürt das Duo, vergleichbar mit Bands wie Tool (musikalisch) oder Turbostaat (textlich), das Verlangen, die Lieder mit jedem Mal etwas besser zu verstehen. Womit erreicht wäre, was sich die beiden wünschen: “Unser Ziel bei dem Ganzen ist, dass die Leute mal wieder mitdenken beim Musikhören.”, erklärt Jari. “Sich einfach mal mit dem Arsch hinsetzen und bewusst Sachen anhören. Und nicht ständig Leuten hinterher rammeln.”
In Deutschland habe das Konzept DŸSE anfangs gar nicht funktioniert, weswegen die Band zunächst viele Konzerte im Ausland spielte. “Die dachten alle ‘Was ist’n das für Dreck.’ Wir haben uns echt den Arsch abgespielt. In Oslo, auf der ersten Europatour, waren vier Leute glaube ich. Das hatte aber auch was Geiles.” Mittlerweile, da Szenen aufbrechen und Genrebezeichnungen mit der Ausdifferenzierung der Musiklandschaft immer weniger mithalten können, werden auch DŸSE-Konzerte besser besucht. Geholfen hat vor allem Eines, erinnert sich Jari: “Als das mit der Band losging, hab ich zu André gesagt: Wir sind wie Zorro, wir tauchen irgendwo auf, uns kennt keiner, wir bolzen alles weg, und danach alle so ‘Oh! Wer war’n das?!‘“DŸSE hat sich einen guten Ruf erspielt und gilt als Garant für impulsive Shows, die Menschen unterschiedlichster musikalischer Herkunft anziehen: “Auf den Konzerten haben wir immer Metaller da, es sind teilweise Hip-Hopper da, es sind Punk-Rocker da, es sind abgefreakte Hastenichgesehens da.”, beschreibt Jari.

Jari Altermatt von Navel
So auch beim Konzert im Weltecho in Chemnitz, Andrés Heimatstadt. Bevor jedoch das Duo beim Heimspiel beweisen kann, wie dynamisch und druckvoll es tatsächlich ist, sind die Schweizer Navel an der Reihe. Gäb es eine Preisverleihung für die Vertonung der Wüste, das Trio wäre nominiert. Mit viel bluesiger Coolness, simplen wie guten Basshooks und (natürlich) einer Mundharmonika schicken sie das Publikum in “Blues On My Side” in eine vertrocknete Einöde und klingen dabei nach einer düsteren Version der kalifornischen Genre-Kollegen Sleepy Sun. Zwar lassen ein, zwei zu ruhige Songs das Publikum ob ihrer balladesken Langweiligkeit etwas irritiert und ratlos im Bühnennebel stehen, aber so haben die Anwesenden gleich einmal die Gelegenheit, sich die Sandkörner aus dem staubig trockenen Mund zu puhlen.

André Dietrich von DŸSE
War das Weltecho bis gerade eben noch nach dem Motto “Hier stand aber ich” sortiert, sorgen DŸSE schnell für eine neue Stehplatzordnung. Mit dem Brüllen der Zauberwörter “SCHWARZ!” und “WEISS!” geht das Duo im Song “Zebramann” sicher, dass tatsächlich auch alle geistig anwesend sind, wartet, bis sich die Sprechchöre noch etwas aufschaukeln und metzelt sich von da an gnadenlos durch die Setlist. Der Platz vor der Bühne wird nun von zufällig umher geschleuderten Oberkörpern dominiert, Bier landet zwangsläufig dort, wo es hingehört (auf T-Shirts, Effektgeräten – manchmal im Mund), jedwede Songtitel werden mit Jubel aufgenommen und mitgeschrien. Über all dem thronen Jari und André, die in ihrer zweigeteilten Kluft wie einem Comic entsprungene, irre Bösewichte aussehen, die sich an dem chaotischen Spektakel laben. Ihr Anteil daran ist leider gar nicht so groß, wie erhofft: das Potential der musikalischen Anarchie des Albums nutzen DŸSE live nicht wirklich, halten sich nah am Album, schmücken das ein oder andere mit einer Geschichte aus.

Jari Rebelein von DŸSE
Vielleicht haben die oft positiven Erfahrungsberichte von DŸSE-Konzerten in dieser Hinsicht die Erwartungen doch etwas zu hoch geschraubt. Dennoch: Das Duo ist live eine Wucht und macht mindestens genauso viel Spaß wie von Platte.
Gute Nachrichten: André und Jari schreiben bereits am nächsten Album. “Ein bisschen Arbeit ist zwar schon noch drin – ein Song kann ein Jahr lang schon feststehen und wir spielen ihn und denken ‘Warte mal, hier könnte noch was Geiles rein!’ – aber die Aufnahmen sind für Sommer/Herbst geplant.” Die Zeit bis zum Erscheinen verkürzen DŸSE mit einer neuen Single und einer gebündelten Veröffentlichung aller bisherigen, teilweise vergriffenen Singles. Hauptsache, die Stimme im Kopf schreit bis dahin nicht mehr “SCHWARZ! … WEISS! … SCHWARZ! … WEISS! …”
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Den Eintrag veröffentliche ich mit freundlicher Genehmigung des Onlinemagazins CrossOver, für das ich den Artikel verfasst habe und bei dem derselbe auch in Kürze online erscheinen wird.
Wer da mal nicht die Lust verliert: zwei Tage neunstündiger Autofahrten auf mittelmäßig geräumten deutschen Straßen, schon um sechs komplette Dunkelheit, Temperaturen unter minus zehn Grad und oben drauf noch eine kaputte Klimaanlage. „Wir haben Frost innen an den Autoscheiben und finden es sehr kalt.“ Erlend Hjelvik, Sänger der norwegischen Band Kvelertak und seine Kollegen haben trotzdem gute Laune.
Bassist Marvin Nygaard bringt es auf den Punkt: „Wir haben gerade die beste Zeit unseres Lebens. Vor einem Jahr habe ich viel Converge, Kylesa und Coliseum gehört und niemals auch nur davon geträumt, mit ihnen auf Tour zu gehen.“ So schnell kann’s gehen mit einem guten Debüt. Das Erfolgsrezept: ein Genremix aus Rock and Roll à la Turbonegro, Hardcore Punk und Black Metal. Spielfreude trifft auf Kreativität trifft auf grandiose Umsetzung und vielleicht auch ein wenig Glück…
Nach vielen lokalen Live-Shows 2007 werden Kvelertak im Februar vergangenen Jahres für das norwegische by:Larm - eine Kombination aus Musikkonferenz und Festival ähnlich der (Pop Up in Leipzig - gebucht. Dort erwecken sie die Aufmerksamkeit einiger Booker, die sie für das renommierte dänische Roskilde Festival und das norwegische Øyafestivalen verpflichten. Der Ruf, eine mitreißende Live-Band zu sein steht. Das Debüt produziert etwas später Converge-Gitarrist Kurt Ballou, dessen Name mittlerweile als Qualitätssiegel im Hardcore-Bereich gelten kann. Coliseum, Doomriders, The Hope Conspiracy - die Liste seiner bisherigen Kollaborationen aber vor allem die jeweiligen Ergebnisse sind überwältigend. Ballou hat eine „Vision davon, was gut klingt“, beschreibt Gitarrist Vidar Landa. Den druckvollen Sound des Kvelertak-Albums verdanken die Hörer also ihm. „Die Songs, die wir mit ins Studio gebracht haben, sind zwar dieselben auf der Platte. Aber besonders ‚Mjød‘, einer unserer ältesten Songs, stellte sich während den Aufnahmen als so gut heraus, dass wir uns dazu entschlossen, ihn als erste Single mit Video zu veröffentlichen. Eigentlich hatten wir dafür ‚Ulvetid‘ vorgesehen.“ Hjelvik fügt schnörkellos hinzu: „Ich finde, er hat alles großartig klingen lassen.“ Für ein schönes Artwork sorgt letztendlich noch Baroness-Frontmann John Dyer Baizley, der bereits für Torche, Kylesa und Skeletonwitch und viele mehr zeichnete.
Trotz den großen Namen überrascht wie schnell es die Norweger geschafft haben, Popularität zu erlangen. Fragt man Nygaard, warum es ihm und seinen Kollegen scheinbar so viel einfacher fällt als anderen Bands, offenbart er seine sehr drastische Sicht: „Ich glaube es gibt eine Menge schlechter Bands da draußen. Was uns so weit gebracht hat sind - um ehrlich zu sein - gute Songs. Ich respektiere Bands, die hart arbeiten und touren, aber…“, Landa fällt ihm ins Wort. „… einer beschissenen Band fällt es schwerer.“ Diese Einstellung darf man unverschämt finden, aber im Prinzip stimmt sie. Schließlich haben es zwei Kvelertak-Songs sogar ins Radio geschafft, was laut Hjelvik, Nygaard und Landa bisher nur einer „extremen“ Band in Norwegen gelungen ist: Satyricon mit „Fuel For Hatred“. An dem Argument der gut geschriebenen Songs ist wohl also etwas dran.
So unhinterfragt wie der Bandname Kvelertak, übrigens norwegisch für „Würgegriff“, mittlerweile schon synonym für brutalen Sound, Metal-Gebahren und energiegeladene Live-Shows auch hierzulande verwendet wird, ist es kein Wunder, dass das Jugendhaus Rosswein trotz arktisch anmutender Temperaturen gut gefüllt ist. Im Nachhinein wird sich nämlich leider zeigen, dass ein großer Teil des Publikums die Hauptacts Bison B.C. und Coliseum kaum beachtet und nur wegen den Norwegern gekommen ist.
Vor dem Dreigespann der genannten Bands spielen aber zunächst als deutscher Support Zann. Der chaotische Hardcore bzw. Screamo der sechs Jungs ist alles andere als leicht zugänglich und wären Zann ein Essen, dann Fisch mit sehr vielen Gräten: Vor dem Genuss kommt die Arbeit. Wer sich hier vorher nicht hineingehört hat, ist auf dem Konzert verloren, denn so viel Dissonanz, Taktwechsel und unverständliches Geschrei begreift und mag man erst nach mehrmaligem und intensivem Auseinandersetzen mit der Band. Andernfalls bleibt das Konzert eher anstrengend und verstörend in Erinnerung.

Bei Kvelertak ist die Situation gegenteilig: Alle Anwesenden haben das Album sicherlich gehört und wirklich kompliziert ist die Musik auch nicht. Aber ein 4/4-Takt ist was man daraus macht und die Norweger machen uneingeschränkt alles richtig. Gitarrensolo, Blastbeats, Gitarrensolo, testosterongeladenes fünfstimmiges Gebrüll, Gitarrensolo, Black Metal-Gekrächze, Gitarrensolo, Breakdown, Gitarrensolo, turbonegroeske Schellenkranz- und Klavier-Einlage, Gitarrensolo. Langweilige Passagen oder mittelmäßige Übergänge? Gibt’s nicht.

Kvelertak ziehen in den vier- bis fünfminütigen Songs das komplette Rock and Roll-Register, setzen Black Metal-Elemente als kreative Sahnehäubchen oben drauf und meinen das alles auch noch ernst. Da spritzt das Herzblut nur so ins Publikum, welches so viel Leidenschaft selbstverständlich ausrastend dankt. Nach dem Konzert springt sichtlich berührt draußen noch ein Kvelertak-Jünger schreiend wie ein tobendes Kind durch den Schnee. Ihm war die halbe Stunde scheinbar auch nicht genug.
Bison B.C. veranschaulichen in der Umbaupause gekonnt die Bedeutung des Sprichworts „der Schein trügt“. Der eher hagere Schlagzeuger Brad Mackinnon macht nicht so wirklich den Eindruck, als ob er gleich so richtig zuhaut, Sänger und Gitarrist Dan And versteckt sich hinter langen Haaren und Masa Anzais Bass hat nur drei Saiten und besteht eigentlich mehr aus Gaffer-Tape als aus Bass. Aber die Kanadier beweisen: schmächtiger Körperbau schließt aggressives Schlagzeugspiel nicht aus; es bellt sich hervorragend durch vorm Gesicht hängende Haare und drei Saiten am Bass geben Bison B.C. mehr als genug Druck. Am ehesten trifft wohl das Genre Stoner Metal auf die kanadische Band zu, obwohl deren Musik neben dem für Stoner charakteristischen erdigen Sound auch Thrash Metal- und Punk-Elemente miteinander vereint. Das Publikum weiß das leider nicht so zu würdigen wie den Party-Metal Kvelertaks, und ist dementsprechend auch weit weniger interaktionsfreudig.
Vor der Hauptband hat sich das JuHa Rosswein beträchtlich geleert, trotz Bison B.C.s vorangegangener Ankündigung Coliseum seien „fucking rad“. Deren ziemlich geraden Hardcore Punk schätzen die Vorbands nicht ohne Grund: Coliseum beschränken sich auf das Wesentliche, türmen keine Soundwände auf und legen den Fokus auf klar strukturierte Instrumentierung. Nach einer Dreiviertelstunde ist wohl aber das Genreskelett für den ein oder anderen etwas farblos. Der Versuch des Bassisten Mike Pascal, das Publikum mit fröhlicher Mimik und heiterem Hüpfen anzuheizen, scheitert. Lustigkeit ist eben etwas gegenläufig zur Grundstimmung der Songs und das geht auch an den Anwesenden nicht vorbei, die eher mit verschränkten Armen und skeptischen Gesichtern darauf reagieren. Schade, denn nur weil sich Coliseum nicht „hardcore“ auf die Stirn tätowiert haben und kein „zeit- und szenegemäßes“ Auftreten an den Tag legen, vermindert das den Wert der Musik nicht. Ganz im Gegenteil, wie die ehrwürdige Verabschiedung mit der Coverversion von Danzigs „Am I Demon“ zusammen mit Bison B.C.s Gitarrist und Sänger And klar zeigt: eine Band die nicht dem Hardcore-Stereotyp harter, unnahbarer oder per se cooler Typen entspricht, kann trotzdem musikalisch mit ganz vorn liegen.
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