Prince, Sigur Rós, Modern Talking, Pharrell Williams, Judas Priest, La Roux. Sechs Künstler, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Noise-Rock-Band Castrovalva aus Leeds kann man noch dazusetzen, denn alle haben eines gemeinsam: den Gesang.
Zugegeben, die ersten sechs Musiker bauen die Gemeinsamkeit etwas unterschwelliger in ihre Lieder ein als Castrovalva: Es geht um das Falsett, eine Gesangstechnik, die es Sängern ermöglicht Töne zu treffen, die für sie normalerweise zu hoch sind. Da die Musiklandschaft nicht gerade vom Falsett dominiert wird, muss der Castrovalva-Sänger Leemun Smith ab und an erklären, warum er so singt.

Leemun Smith
“Mit 19 belegte ich auf dem College einen ‘Music Performance’-Kurs. Zu der Zeit liebte ich The Mars Volta, Cedric Bixler-Zavalas Stimme und wie hoch er damit kam. Meine hat zwar eine ganz andere Klangfarbe, aber ich dachte mir, das probier ich mal aus. Am Anfang wurde ich ausgelacht und es fiel mir schwer, live zu singen. Manche Leute sind immer noch schockiert: ‘Singt da ein Mädchen?’ - ‘Nein, das ist ein Kerl’ - ‘Wow!’ Nach den Konzerten bekomme ich aber mittlerweile auch eine Menge positives Feedback.” Als wäre der Gesang nicht schon Alleinstellungsmerkmal genug, werfen Castrovalva zwei komplett verschiedene Genres in einen Topf: Noise-Rock und Grime. “Ich mag Grime, weil er britisch ist. Amerikaner haben Hip Hop, wir Grime.”

v.l.n.r. Daniel Brader, Leemun Smith, Anthony Right – Foto: I Like Press
Grime ist seit dem aktuellen, zweiten Album ein Bestandteil von Castrovalvas Musik. Denn Smith, als Fan des Genres, war bis dahin kein festes Mitglied der Band. Zuvor war Castrovalva ein Duo, bestehend aus dem Bassisten Anthony Wright und dem Schlagzeuger Daniel Brader. Sie kannten Smith durch seine damalige Band, The Velvet Orchestra, von der sie auf ihrem Label Salt The Wound Records 2008 eine Vinyl-Split-Single mit Solus Locus veröffentlicht hatten. Als Sache zwischen Freunden lieh Smith auf dem Debüt “Castrovalva” dem Lied “Bellhausen” seine Stimme, kurz darauf gehörte er bereits zur Band und das zweite Album entstand zu dritt. “Bis dahin war Castrovalva nur instrumental, wie Lightning Bolt. Die Songs, die Ant und Dan damals hatten, waren ‘We Don’t Go To Ravenholm’, ‘Bison Scissor Kick’ und ‘Triceratops’ – ‘Thuglife’ und ‘Outlawz’ schrieben wir dann gemeinsam. Seit diesem Zeitpunkt machen wir alles zusammen: Ich bring meistens die Gitarren-Riffs; Ant schreibt sie sich so um, dass er sie spielen kann. Dann kommt Dan mit Gesangsmelodien und die sind meist viel verrückter, als alles, was ich mir hätte ausdenken können…”
“We Are Unit” ist zwar mit einer halben Stunde Spielzeit nicht besonders lang, aber das reicht für ein Album, das musikalisch einer Tracht Prügel gleich kommt. “Pump Pump” eröffnet nach einem kurzen Intro mit purem Lärm, der sich kurz darauf in Folgendes zerlegt: Ein Schlagzeug, an dem ganz offensichtlich nicht Brader sitzt, sondern Animal von der Muppet Show, Rights knarzender Bass, der ins Gesicht schlägt, wie ein mit Wucht geschwungenes, nasses Handtuch und Smiths Stimme zwischen Gebrüll, Geschrei und Falsett. Nach einer Weile passiert das Außergewöhnliche: Während Smith langsam aber sicher am Mikrofon ausrastet, offenbart “Pump Pump” Stück für Stück einen versteckten Groove, wodurch der anfängliche Lärm tatsächlich tanzbar wird! “In unseren Liedern geht’s uns um Melodien und Eingängigkeit. Wir mögen keine ärmlichen Riffs, wir brauchen eine großartige Melodie, damit Leute mitsummen können und sich auf jeden Fall daran erinnern.” Einmal Hören reicht da nicht, so viel steht fest. Es braucht mehrere Durchgänge, bis sich die Ohren an Smiths Gesang gewöhnt haben, ihn von da an als gegeben akzeptieren oder zu lieben beginnen. Dann macht auch “That’s What I’m Talking About” Spaß, das gleich zu Anfang in einem einzigen großen Breakdown ausartet und so seine restliche anderthalbe Minute verlebt – ja, warum eigentlich nicht das Beste auf das ganze Lied ausdehnen? Castrovalva scheren sich einen Dreck um Songkonventionen, so auch in “Hooliganz R Us”, einer Mitbrüll-Hymne, in der Smith fast wie Lil Jon klingt und die mit herrlich doofem Text aufwartet. Oder das darauf folgende “You Better Make That Money”, das mit metallischem Blastbeat losbricht; rumpelt, knarzt und scherbelt und am Ende einen auf Bigband mit Bläsern macht. “We Are Unit” ist eine riesige Party mit einem Motto, das jeder doof findet – mit der Ausnahme, dass sich bei Castrovalva alle an das Motto halten.

Das zweite Castrovalva-Album „We Are Unit“ – Design: Leemun Smith Kraffhics/Castrovalva, Foto: I Like Press
Castrovalvas drittes Album ist bereits in Arbeit, soll im Mai erscheinen und eine Richtung steht auch schon fest: “Wir wollen tanzbarer werden. In unsere neuesten Aufnahmen haben wir eine Menge Dubstep und mehr Grime gepackt. Wir schmeißen einfach alles zusammen und schauen was passiert.” Die dazugehörige Single-Vorbotin “Señorita” ist bereits auf dem Weg und löst Smiths Versprechen ein: Ein Song, wieder deutlich unter der Drei-Minuten-Marke, dem der Spagat zwischen Rock, Grime und einer eingängigen Synthesizer-Melodie gelingt, gepaart mit Samba-ähnlichen Rhythmus. Womit Castrovalva wieder ein paar Trennwände zwischen Genres eingerissen hätten.

Foto: I Like Press
Mit dem neuen Material wollen Castrovalva noch dieses Jahr auf Tour gehen. Eigentlich planten die Briten das schon 2010, die Tour wurde aber abgesagt: “Wir haben nicht genügend Tickets verkauft. Es war natürlich komisch, welche zu verkaufen, wenn noch nie jemand von uns gehört hatte.” Schade, denn damit ist München, Berlin und Osnabrück eine Menge entgangen, findet auch Smith: “Auf Konzerten sind wir viel besser als auf CD. Wir haben Spaß mit dem Publikum, spielen Sound-Effekte ab. Wenn uns etwas gut gefallen hat, spielen wir’s einfach noch einmal und die Leute denken nur: abgefahren! Außerdem haben wir Dance-Offs, bei denen zwei Leute gegeneinander tanzen können, um ein T-Shirt zu gewinnen… Es ist wie eine Hip-Hop-Show gemischt mit einem Rock-Konzert. Wir sorgen einfach für gute Stimmung.”
Links
Castrovalva Bandcamp
Castrovalva Myspace
Castrovalva tumblr
Castrovalva Twitter
Castrovalva YouTube