Ein Kasten Kohle

Saviours, Ramming Speed, Soma (LiWi Leipzig, 26.11.10)

Bei meinem Interview vor dem Konzert in der Leipziger Lichtwirtschaft sagt Austin Barber, Sänger von Saviours, im Schnitt öfter „fuck“ als die Protagonisten in „Pulp Fiction“ und „Goodfellas“ zusammen. Besonders oft benutzt er den Kraftausdruck, um seiner Sicht auf Religionen und die Welt angemessen Ausdruck zu verleihen. Und natürlich zum Beleidigen.

„Um die 15 Arschlöcher haben uns vor ein paar Wochen in New York richtig verprügelt. Kinder mit scheiß Black Metal-Jacken, scheiß Nieten überall, scheiß Discharge-Aufnähern. Ich glaube sie wussten nicht, dass wir vor wenigen Jahren genau wie sie waren. Ein paar Jahre noch, dann sind sie auch Heavy Metal.“ Barbers Rippen täten davon noch immer weh, aber hey, das seiner Meinung nach Schlimmste, was ihm passieren kann, ist ihm hiermit zugestoßen: ein „Tritt in den Arsch“. Andere Ängste würden er und der Rest der Band nicht hegen, was im Umkehrschluss aber nicht heißt, dass sie nicht versuchen, anderen einen ordentlichen Schrecken einzuflößen. Ein Blick auf das Plattencover des aktuellen Saviours-Albums „Accelerated Living“ reicht: Abbrennende Gebäude, ein besessener Wolf, der einer Jesus nicht unähnlichen Person in den Hals beißt, Schlangen, Ziegen, Frösche und ein gehörnter Mann mit einem Kreuz, der für den Spuk scheinbar verantwortlich ist. Die Titelliste beinhaltet thematisch sowie inhaltlich passende Songs wie „Burning Cross“ und „Apocalypse World Split“. „Ich habe Visionen der Hölle, von der Apokalypse und wie die Welt brennt. Nichts das wirklich cool ist. Früher oder später geht es bergab mit der Welt. Eher früher.“ Naturkatastrophen, Kriege… die Anzeichen dafür sehen er und seine Bandkollegen schon jetzt. Die Musik gibt sie Musik metaphorisch wieder und sagt sie vorher.

Barbers Tattoo

All das explizit auf Satan zurückzuführen, geht ihnen aber zu weit. „Es gibt Gut und Böse und beide wirken sich auf ihre Weise aus, ob du das nun Gott oder Satan oder oben und unten nennst ist egal. Wir glauben alle an denselben Mist. Wir verehren zum Beispiel die Sonne, vielleicht ohne es zu wissen. Die Christen nennen es Jesus Christus, aber im Prinzip ist jede Religion das Gleiche nur mit verschiedenen Begriffen. Folglich sind alle Religionen Schwachsinn.“  Barbers Jugend habe diese Sichtweise geprägt, da er in einem religiös repressiven Umfeld aufgewachsen sei, Ku Klux Klan inklusive.

Heute glauben er und seine Bandkollegen an nichts und machen ihr Leben nur an drei Dingen fest: Rock and Roll, Feiern und Frauen. Die einzige Sache, die ihnen etwas bedeutet, ist die Band, da sie all das mit sich bringt. „Wir verdienen zwar nichts, aber ich fühle mich, als wäre ich reich. Es gibt nichts anderes auf der Welt, das ich machen will. Ich hab den Arsch voller Geschichten, auch wenn ich mich nur an ein Zehntel erinnern kann“, sagt Barber. Diese Erlebnisse reichen von beängstigenden Schlägereien während der Weltmeisterschaft über fast-Flugzeugabstürze bis hin zu regelmäßigen Treffen mit der eng befreundeten Band High on Fire. Mit denen hängen Saviours ab, wenn alle gerade in Oakland sind. Die Frage, ob die Szene in der Bay Area, vor allem bekannt durch Metallica und Exodus, noch aktiv sei, bejaht er. „Es geht so viel ab. Lecherous Gaze, Laudanum… es gibt ein Dutzend guter Bands in der Umgebung. Man sieht sich, geht auf Shows, unterstützt sich.“ Wahrscheinlich haben die Jungs auch deswegen so schnell einen neuen Bassisten finden können: Carson Binks, der zuvor bei den ebenfalls aus der Region kommenden Dzjenghis Khan und Parchman Farm gespielt hatte, ersetzte sofort Chris Grande, der Saviours Richtung Lecherous Gaze verließ.

Den heutigen Abend teilt sich die Band aber nicht mit kalifornischen Kollegen, sondern mit Soma aus Stockholm und Ramming Speed aus Boston. Die wollen sich auch Saviours ansehen und verschwinden nach dem Interview in dem kleinen, vollen Konzertraum in der Menge. Das Publikum setzt sich bei weitem nicht nur aus den typischen Metalheads zusammen: Der Punk mit seiner Jacke voller Thrash-Metal-Aufnäher steht neben dem blonden, gepiercten Hardcore-Mädchen mit Basecap oder dem Indie-Jungen mit Stoffbeutel. Eine Welle neuen Metals, der sich nicht dogmatisch nur an Stilelemente des Genres hält, sondern vermehrt auch Einflüsse von außen zulässt, hat dafür gesorgt, dass sich das Genre neuen Zuhörern öffnet, die ihm nicht schwarz-weiß-denkerisch mit Begriffen wie „true“ oder „untrue“ entgegentreten. („Mitverantwortlich“ waren und sind da Bands wie Mastodon, Kylesa, The Sword und Baroness.)

Soma

Der kleine Raum ist gut gefüllt, Soma eröffnen den Abend. Die Schweden, die gerade dabei sind eine erste Demo aufzunehmen, legen mit ihrer brachialen Mischung aus Crust und Punk ordentlich vor. Warum sie so klingen wie sie klingen, ist leicht bestimmt: Frontfrau Diana singt nebenher bei den ebenfalls düsteren und extremen Shades of Grey, Schlagzeuger Dadde knüppelt bei den Hardcore-Punks Wolfbrigade. Das Ergebnis: Ein dreckig klingendes Musikmonster, das tobend Dampf ablässt.

Ramming Speed

Bei Ramming Speed sind frühere oder Nebenprojekte etwas unübersichtlicher. Deren Musiker haben vereinzelt schon bei Cyanide Breed, Combat Delta, Inheritance, Backstabbers Inc, Bones Brigade und Coctopus gespielt, was den Versuch, die Musik der Amerikaner genealogisch zu erklären schwer bis unmöglich macht. Praktischerweise sind Ramming Speed schlicht fünf Männer mit Bock auf Thrash Metal und Grindcore. An beidem bedienen sie sich gerade so, dass eine ideale Mischung aus frickeligen Riffs und Soli, Gegrunze und Geschrei sowie höllisch schnellem Gebretter herauskommt. Thrash hat lange nicht so frisch und jung geklungen, denkt vermutlich auch die Mehrheit der etwa 50 Anwesenden und nach ein paar Blast-Attacken, die die Hemmschwelle wegpusten, tauschen sie munter und energetisch Stehplätze.

Saviours

Bei Saviours hat die musikalische Sozialisation definitiv andere Spuren hinterlassen als bei der Vorband. Die Kalifornier nennen Heavy Metal-Legenden wie Motörhead, Scorpions, ZZ Top, Saxon, Judas Priest und Dio als Vorbilder. Dementsprechend reizüberfluten sie das Publikum nicht wie Ramming Speed, nach denen man sich fragt, welche Farbe das Auto eigentlich gerade hatte, von dem man überfahren wurde. Bei Saviours sieht man, dass die Karre schwarz ist, hört aus dem Inneren Rock and Roll-schwangeren Heavy Metal mit düsteren Riffs und weiß: die fahren nach ganz unten. Mit „Der Ton ist das Ziel“-Ethos spielen sie Soli ohne Hektik aus und geben dem Geschrammel den Raum, den es verdient. Slayereske Thrash-Elemente finden trotzdem ihren Platz, Groove schließt Geschwindigkeit eben nicht aus. Weit nach Mitternacht sorgt das Vierergespann so noch immer für Bewegung in der Menge, Luftgitarrensoli, gereckte Fäuste und im Anschluss auch viel Applaus. Nur leider kommt keine Zugabe: „Wir kennen keine weiteren Songs“, entschuldigt sich Barber. Was die Menge nicht weiß ist, dass Bassist Binks erst seit drei Wochen zur Band gehört. Enttäuschte Gesichter sieht man nicht, immerhin war das gerade eine Dreifachportion Metal. Eine typische Win-Win-Situation für Publikum und Band, denn Barber kann jetzt gedanklich hinter „Rock and Roll“ und „Feiern“ einen Haken setzen. Was jetzt noch fehlt, sind Frauen.

Setlist

Apocalypse World Split
Cavern Of Mind
Dixie Dieway
Eternal High
Acid Hand
Burning Cross
Christ Hunt
Slave To The Hex

Links

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